Die Glaubensbekenntnisse der Waldenser
Quellen siehe unten.
I. Die Resolutionen von Chanforan vom 12. September 1532
1. Der Christ darf beim Namen Gottes schwören, ohne damit gegen Matthäus 5 zu
verstoßen. Dieser Satz steht fest, wenn jeder, der schwört, den Namen Gottes
nicht vergeblich führt. Das geschieht, wenn der Schwur zum größeren Ruhm Gottes
und dem Heil des Nächsten dient. Man kann vor Gericht schwören, weil derjenige,
der seine Macht von Gott her ausübt, ob er glaubt oder nicht, seine Macht von
Gott hat. Und deshalb wollen wir, auf welche Art immer der Schwur gegeben wird,
im Namen Gottes schwören.
2. Nur das Werk ist gut, das Gott befohlen hat,
und nur das Werk ist böse, das er verboten hat. Was die äußerlichen Werke
betrifft, die nicht von Gott verboten sind, kann sie der Mensch nach seiner
Entscheidung ohne Sünde tun oder lassen. Die Glaubenden, die Verstand haben,
kennen sowieso die ersten zwei Gebote. Du wirst nicht alles das, was deinen
Augen gut zu sein scheint, tun, sondern was ich dir befehle nach dem Gebot. Du
wirst weder etwas hinzufügen noch hinwegnehmen von meinem Wort. Tue nur alles,
was ich dir befehle. Du wirst weder nach links noch nach rechts abbiegen,
sondern mir gehorchen. Dann kannst du alle äußerlichen Werke tun von jeglicher
Art, wenn sie dich nur nicht dazu führen, gegen das Gebot Gottes, welches die
Liebe ist, zu handeln.
5. (2) Die Ohrenbeichte ist nicht von Gott
befohlen. Die Schrift sagt, dass der Christ allein Gott, dem Ehre und Ruhm
gebühren, beichten soll. Die zweite Art von Beichte ist die Versöhnung mit dem
Nächsten nach Matthäus 5, Jakobus 5 usw. Die dritte Art handelt nach Matthäus 18
von dem, der gegen mich sündigt. Und ich weiß, dass ich zu ihm muss und nicht er
zu mir. Und wenn er sich weder durch mich noch durch Zeugen korrigieren will,
dann durch die Gemeinde vor Gott. Wie er öffentlich gesündigt hat, so muss er
auch seine Sünde öffentlich bekennen. Eine andere Beichte finden wir in der
Schrift nicht. 6. Die Arbeitsruhe am Sonntag ist dem Christen von Gott nicht
verboten. Es steht fest, dass der Mensch, ohne zu sündigen, am Sonntag arbeiten
kann, wie wir es in den Evangelien haben, auch in Galater 4 und Kolosser 2. Wir
müssen auch Liebe an unseren Bediensteten üben. Auch um Zeit zu haben für Gottes
Wort, müssen wir an diesem Tag zum Eifer für Gottes Ehre und Ruhm
ruhen.
7. Das Wort ist im Gebet nicht nötig.
8. Beim Gebet braucht
man weder Kniefälle , noch bestimmte Zeiten, weder das Haupt entblößen, noch
andere äußere Dinge . Es steht fest, dass der Gottesdienst nur in Geist und
Wahrheit geschehen kann. Gott ist Geist, und wer mit ihm sprechen will, muss das
im Geist tun. Das Wort und andere äußere Dinge können nur die große Liebe zum
Nächsten ausdrücken und beweisen, mit der sich der Mensch zu seinem Gott gewandt
hat.
9. Die Handauflegung ist nicht notwendig. Das steht fest, auch wenn
die Apostel sie angewandt haben. Die alten Väter widersprechen dem auch nicht,
weil es nur eine äußere Sache ist, die in die Freiheit eines jeden einzelnen
gestellt ist.
10. Die Rache - gleich welcher Art - an seinem Feind ist
dem Christen nicht erlaubt. Dieser Satz erklärt sich selbst, wie wir es auch in
Matthäus 3 und Römer 12 und 1.Petrus usw . haben.
11. Der Christ kann als
Obrigkeit über Christen regieren. Das ergibt sich aus Römer 13, Korinther 6 und
1.Petrus.
12. Der Christ kennt keine festgesetzten Zeiten zum Fasten, das
ist in der ganzen Schrift klargestellt. Man findet in ihr nicht, dass Gott das
befohlen habe.
13. Die Ehe ist für niemand verboten, gleich weichen
Standes und Ranges er sei.
14. Wer die Ehe verbietet, lehrt
Teufelsdoktrin.
15. Ehelosigkeit zu befehlen, ist
Teufelsdoktrin.
16. Wer nicht die Gabe der Enthaltsamkeit hat, ist zur
Ehe verpflichtet. Dieser Satz ist erstens schon in 1.Mose bestätigt, dass es dem
Menschen nicht gut sei, allein zu sein. Zweitens kommt er in 1.Timotheus 4 vor.
Drittens gibt es in der Schrift keinen Grund dafür. Viertens ist sehr wahr, was
Paulus im 7.Kapitel des 1.Korintherbriefes an die Korinther schreibt.
17.
Nicht jeder Zins ist von Gott verboten. Gott verbietet nur den Zins, der den
Nächsten belastet, nach dem Gesetz, dass du nicht dem andern tun sollst, was du
nicht willst, dass man dir tue.
18. In Lukas steht, nicht Wucher zu
treiben. Das wurde geschrieben, weil Christus sagen wollte, wie wir es mit
unserem Nächsten halten sollen, dass der eine dem andern im Dienst der Liebe,
die wir aneinander üben sollen, leihen soll, dass wir dem Armen nicht nur
leihen, sondern ihm auch das Nötige geben.
19. Alle die, die gerettet
wurden und gerettet werden, sind vor Grundlegung der Welt erwählt.
20.
Die, die gerettet werden, können nicht verloren gehen. Siehe Epheser 1 und Römer
8 und 9 usw.
21. Wer den freien Willen behauptet, leugnet die
Prädestination und Gnade Gottes völlig. Das sagt überdeutlich Römer, der ganze
Galater und auch Epheser.
22. Die Diener des Wortes Gottes brauchen nicht
von Ort zu Ort ziehen, außer wenn es dem besonderen Nutzen der Kirche
dient.
23. Die ministres können etwas eigenen Besitz haben, um ihre
Familien zu unterhalten. Das ist nicht gegen die apostolische Gemeinschaft.
Beide Sätze sind in der Apostelgeschichte bestätigt.
[24.] Über die
Materie der Sakramente ist durch die Schrift festgesetzt, dass wir nur zwei
Sakramente haben, die Christus eingesetzt hat, nämlich Taufe und Eucharistie,
durch die wir beim Gebrauch die Beständigkeit im Glauben, den wir in der Taufe,
Kinder zu sein, versprochen haben, beweisen, und zum Gedächtnis der großen
Wohltaten, die Jesus Christus durch seinen Tod für unsere Erlösung bewiesen hat,
indem er uns mit seinem heiligen Blut gewaschen hat. Deshalb Brüder, weil Gott
es wohlgefiel, uns durch seine heilige Schrift zusammenzuführen, und weil wir
sein Wort gehört haben, haben wir obige Erklärung verfasst. Wir waren in allem
einig und in einem Geist. Wir haben sie öffentlich ergründet, nicht von
Menschen, sondern vom Heiligen Geist geführt. Wir bitten beim Innersten der
Liebe, dass wir von unserem Auseinandergehen an nicht uneinig sein werden, weder
im Lehren, noch in den vorher genannten Ergebnissen, noch in der Auslegung der
Schrift. Und wie die Schrift von einem einzigen Geist hervorgebracht wurde, so
wollen wir sie auch mit diesem einzigen Geist auslegen.
Quelle und Anmerkungen:
(1) Vinay, Valdo: Le
Confessioni di fede Valdesi riformati con documenti del dialogo fra "prima" e
"seconda" Riforma. = Collana della Facolta valdese di theologia, 12 Turin
(1975). S. 139-143.
Zitiert aus Kiefner, Theo: Die Waldenser auf ihrem Weg
aus dem Val Cluson durch die Schweiz nach Deutschland 1532-1755, Band 1,
Göttingen 1986. 2. Auflage, Seiten 342-344.
(2) Die Resolutionen 3 und 4
fehlen. Hat man sich verschrieben - statt 3. gleich 5. - ?
II. Das kurze Bekenntnis von Angogne vom 12.
Dezember 1532
Kurzes Glaubensbekenntnis, aufgestellt durch die ministres und Familienchefs
der piemontesischen Täler, die am 12. Dezember 1532 in Angrogne versammelt
waren.
1. Betrifft die Art des Gottesdienstes. Wir glauben, dass der
Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit gehalten werden muss, denn Gott ist
Geist, und wer ihn anbetet, muss ihn im Geist und in der Wahrheit
anbeten.
2. Betrifft die Erwählung. Alle, die gerettet wurden oder es
noch werden, hat Gott vor Grundlegung der Welt erwählt.
3. Ihr Gelingen.
Es ist unmöglich, dass die, die zum Heil verordnet sind, nicht gerettet
werden.
4. Vom freien Willen. Jeder, der den freien Willen behauptet,
verleugnet völlig die Prädestination und die Gnade Gottes.
5. Von den
guten Werken. Nur das von Gott verordnete Werk ist gut, und nur das von ihm
verbotene ist schlecht.
6. Vom Schwur. Ein Christ kann beim Namen Gottes
schwören, ohne Matthäus 5,24 zuwiderzuhandeln, vorausgesetzt, dass der, der
schwört, Gottes Namen nicht umsonst benützt. Dieser ist dann nicht vergeblich
benützt, wenn der Schwur zum Ruhm Gottes und zum Heil des Nächsten dient. Man
kann vor der Obrigkeit schwören, weil diese in ihrem Amt, sie glaube oder nicht,
die Macht von Gott hat.
7. Gegen die Ohrenbeichte. Die Ohrenbeichte ist
nicht von Gott befohlen, noch durch die Heilige Schrift bestimmt. Die wahre
Beichte des Christen ist die, Gott allein zu beichten, dem Ehre und Ruhm
gebühren. Es gibt noch eine andere Art von Beichte, wenn einer sich mit seinem
Nächsten versöhnt, wovon bei Matthäus und in Johannes 5 gesprochen ist. Eine
dritte Beichte ist die, wenn einer öffentlich einen Fehler begangen hat und
diesen auch öffentlich bekennt.
8. Vom Ruhetag. Am Sonntag sollen wir
unsere Handarbeit liegen lassen zur Ehre und zum Ruhm Gottes und aus Liebe zu
unseren Bediensteten, und damit wir uns dem Hören des Wortes Gottes
zuwenden.
9. Gegen die Rache. Dem Christen ist es nicht erlaubt, sich zu
rächen, wie das auch geschehe.
10. Von der Obrigkeit. Ein Christ kann
über andere Christen regieren.
11. Vom Fasten. In der Schrift gibt es
keine Bestimmungen über das Fasten der Christen.
12. Von der Ehe. Die Ehe
ist niemand verboten, von welchem Stand und Rang er sei.
13. Gegen den
Zölibat. Wer die Ehe verbietet, lehrt Teufelsdoktrin.
14. Von der Gabe
der Enthaltsamkeit. Wer diese nicht hat, soll heiraten.
15. Vom
Pfarrerwechsel. Die Diener des Wortes Gottes müssen keineswegs von Ort zu Ort
wandern, es sei denn von großem Nutzen für die Kirche.
16. Von ihren
Gütern. Es ist keineswegs unvereinbar mit der apostolischen Kirche, dass die
ministres eigenen Besitz für den Unterhalt ihrer Familien haben.
17. Von
den Sakramenten. Betrifft die Materie der Sakramente. Die Heilige Schrift setzt
nur zwei Sakramente fest, die uns Jesus Christus gelassen hat, Taufe und
Eucharistie, die wir zum Zeugnis empfangen, dass wir in der heiligen
Gemeinschaft, in die wir durch die Taufe eingetreten sind, verharren wollen und
zum Gedächtnis des Leidens von Jesus Christus , der für unsere Erlösung
gestorben ist und der uns durch sein kostbares Blut von unseren Sünden gewaschen
hat.
Quellen:
Diterici, W.: Die
Waldenser und ihre Verhältnisse zu dem brandenburg-preußischen Statt. Berlin,
Posen, Bromberg 1981.
Zitiert aus Kiefner, Theo: Die Waldenser auf ihrem Weg
aus dem Val Cluson durch die Schweiz nach Deutschland 1532-1755, Band 1,
Göttingen 1986. 2. Auflage, Seiten 344-345.
|