Geschichte der Waldenser
Etwa um 1170 begann Waldes in Lyon öffentlich in der Volkssprache zu predigen. Durch den plötzlichen Tod eines Freundes betroffen, sowie der Legende des heiligen Alexius, eines reichen jungen Mannes, der alles verließ, um Jesus nachzufolgen, änderte der wohlhabende Kaufmann sein Leben. Waldes gab seinen Besitz auf. Einen Teil seines Vermögens übergab er zur Versorgung seiner Familie, einen anderen für die Übersetzung der Bibel aus dem Lateinischen in die provenzalische Landessprache, das Übrige gab er den Armen. Damit werden drei wesentliche Merkmale der schnell sich um Waldes versammelnden Anhänger ("die Armen von Lyon") deutlich: Konzentrierung auf die Lehre des Neuen Testaments. freie Predigt und freiwillige Armut verbunden mit sozialem Engagement. Die Bergpredigt (Matthäus 5-7) und die Aussendungsrede Jesu (Matthäus 10) waren für die jeweils zu zweit tätigen Wanderprediger (‘Barben’, dt: Oheime) zentrale Mitte. Geradezu revolutionär erscheint, dass auch Frauen das Predigen erlaubt war. Damals in einer Zeit, in der die Kirche universelle Macht beanspruchte und dadurch stark verweltlicht war, wandten sich Laien direkt dem Evangelium zu, um die göttliche Botschaft unverfälscht durch den verweltlichten Klerus zu erfahren. Sehr schnell gerieten Valdus und seine Gefährten in Konflikt mit der Amtskirche, die die Verkündigung als ihre alleinige Aufgabe betrachtete.
Der Bischof von Lyon verbot die Laienpredigt. Valdus wandte sich
daraufhin an Rom mit der Bitte, seine Rechtgläubigkeit zu bestätigen und die
von ihm veranlasste Bibelübersetzung zu autorisieren. Das erreichte er jedoch
nicht. Trotzdem predigten er und seine Anhänger weiter, was die Verurteilung
der "Armen von Lyon" zusammen mit anderen Ketzergruppen durch Papst
Lucius III. 1184 nach sich zog. Damit standen die Waldenser außerhalb der
Kirche Trotz vieler Inquisitionsprozesse ließ sich ihre Lehre nicht aufhalten.
Im Untergrund sich weiter verbreitend gab es schon bald Waldensergruppen von
Spanien bis an die Ostsee. Die Aufforderung zur Rückkehr zur Bibel und zu einem
schlichten Lebensstil fand offenbar weiten Anklang. Dogmatisch wurde das
Fegefeuer, Marien- und Heiligenverehrung, sowie die Fürbitte für Verstorbene
abgelehnt. Inhaltlich stand die ethische Sittenlehre im Vordergrund:
Aufforderung zu tätiger Liebe, Lüge wurde als Todsünde verstanden, jeder Eid
abgelehnt, unbedingter Pazifismus, große Bibelkenntnis (selbst schlichte Bauern
lernten Bücher der Bibel auswendig) und regelmäßiges Stundengebet. Mit der römischen
Kirche behielten sie die Siebenzahl der Sakramente, die Transsubstantiation
(Verwandlung von Brot und Wein beim Abendmahl), die Seligkeit durch Glaube und
Werke und die Unterscheidung von Priestern und Laien. Die Beichte hatte eine
besondere Gewichtung.
1218 kam es zu einer Spaltung zwischen französischen Waldensern, die jede Arbeit zum Lebensunterhalt ablehnten, weil die Predigt
nicht beeinträchtigt werden sollte, und lombardischen Waldensern. Letztere
hatten einen weiteren Armutsbegriff, der die Arbeit nicht ausschloss und der mit
eigener Lehr- und Ordnungstradition (Bischöfe, Presbyter, Diakone, jährliche
Synoden) zu einer Art Gegenkirche führte. Der französische Zweig starb,
nachdem zuvor einige zur römischen Kirche zurückkehrten, Ende des 14
Jahrhunderts aus.
Die Reformation erreichte die Waldenser durch die Predigt des Genfer
Pfarrers Guillaume Farel. 1532 schloss
man sich nach kontroversen Diskussionen auf einem Consilium Generale in
Chanforan (Angrognatal) der schweizerischen Reformation an. Die typisch
mittelalterliche Frömmigkeit wurde nicht widerspruchslos aufgegeben
("Waldes hat sein Volk verloren, Calvin hat es gewonnen.").
Seit diesem Anschluss ist die Waldenser Kirche eine reformierte
Kirche bzw. die Reformierte in Italien. Es fand ein Identitätswechsel
statt. "Damals, im Mittelalter, waren wir Waldenser, jetzt, nach 1532, sind
wir reformiert. Der Name Waldenser ist aber nicht untergegangen und wurde später
vom reformierten Waldensertum zurückgewonnen: nunmehr heißt Waldenser
reformiert." (Paolo Ricca) Dogmatisch trennte man sich völlig von der
katholischen Kirche. Die Wanderprediger wurden durch ständige Pastoren ersetzt;
es galten nur noch zwei Sakramente (Taufe und Abendmahl/Beichte), der Zölibat
wurde aufgehoben, Eigentum erlaubt, sowie Kirchengebäude gebaut.
Die Gegenreformation und eine in Frankreich immer stärker werdende antiprotestantische Haltung setzte 20 Jahre später mit grausamen Verfolgungen ein, die 1655 mit den "piemontesischen Ostern" einen traurigen Höhepunkt erreichten (6.000 wurden getötet, 10.000 konnten, zumeist in die Schweiz, fliehen). Am Ende dieser Entwicklung stand 1685 die Aufhebung des Ediktes von Nantes, mit dem Heinrich IV. 1598 den Reformierten im Land, Hugenotten und Waldensern, weitgehend Religionsfreiheit gewährt hatte.. Dragonaden, Zwangskonversionen und Auswanderungen waren dem Revokationsedikt vorausgegangen. Viele Waldenser des seit 1630 größtenteils zu Frankreich gehörenden Chisonetales zogen über die Grenze nach Savoyen oder wurden pro forma katholisch, besuchten aber den reformierten Gottesdienst jenseits der Grenze von Savoyen. Im Januar 1686 erließ allerdings auch Herzog Victor Amadée II. von Savoyen auf Druck des französischen Königs Ludwig XIV. ein Edikt gegen die Waldenser: Sie mussten entweder wegziehen oder konvertieren, die Neugeborenen mussten katholisch getauft werden.
Daraufhin organisierte Pfarrer Henri Arnaud im Angrognatal den Widerstand. In allen Waldensertälern wurde erbittert gekämpft. Dem machte der Herzog ein Ende, indem er mit den "Unbesiegbaren" den Abzug vereinbarte: in dreizehn Brigaden zogen die streitbaren Waldenser in die Schweiz viele von ihnen 1687 weiter in deutsche Territorien. 1689 versuchten sie jedoch unter der Führung Janavels und Arnauds die Rückeroberung der Täler. In schlechter Jahreszeit, auf gefährlichen Wegen und unter heftigen, äußerst verlustreichen Kämpfen gelang die Rückkehr, die "Glorieuse Rentrée.
1690 schloss der Herzog von Savoyen Frieden mit den Waldensern und gestattete
die Rückkehr der Flüchtlinge, nachdem er im Krieg um die Erhaltung des
Gleichgewichts in Europa die Front gewechselt hatte hin zu den Gegnern
Frankreichs. 1696 wendete sich das Blatt jedoch wieder: Frankreich war bereit,
savoyische Gebietsansprüche zu befriedigen - Pinerola und das untere Chisonetal
sollten offiziell an Savoyen zurückgegeben werden -, der Herzog musste sich
allerdings dazu verpflichten, keine protestantischen Franzosen auf seinem Gebiet
zu dulden, in den zurückerhaltenen Gebieten keinen reformierten Gottesdienst zu
erlauben und jeden Kontakt zum französischen Teil des Chisonetales zu
unterbinden. Victor Amadée II. erließ daraufhin 1698 ein neues Edikt, das den
Wegzug aller gebürtigen französischen Untertanen forderte, die im Zuge der
Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685 oder nach der "Glorieuse Rentrée"
in die savoyischen Täler gekommen waren. Rund 3.000 Personen mussten sich
daraufhin wieder auf den Weg machen, zunächst nach Genf, wo sie den Winter
verbrachten, und dann im Frühjahr 1699 weiter nach Norden. Dort konnten sie
dank der Vermittlung des niederländischen Gesandten Pieter Valkenier, in Württemberg
und Hessen Aufnahme finden. Darunter waren auch
jene 30 Familien mit Pfarrer David Jourdan aus dem Val Pragela, die am
28. Juli 1699 in Dornholzhausen bei Homburg Zuflucht fanden.
Die weitere Geschichte der Waldenser in Dornholzhausen finden sie unter "Dornholzhausen "
Nach 1815 erlebten die noch in Italien zurückgebliebenen Waldenser Jahre der geistig-kirchlichen Erneuerung. 1848 erlangten sie von König Albert Religionsfreiheit, zuerst im Piemont, später in ganz Italien.1858-61 wanderten viele Waldenser nach Uruguay aus und bildeten dort neue Gemeinden. Heute zählen die Waldenser in 6 Distrikten in Italien etwa 30.000 und in dem Distrikt Uruguay/Argentienien ca. 15.000 Seelen. Der Verwaltungsausschuss ist die Tavola, die aus dem Moderator (z.Z. Gianni Rostan), 4 Superintendenten und 2 Laien besteht. Sie werden jährlich von der in Torre Pellice tagenden Synode gewählt. In Rom haben eine die Waldenser eigene theologische Fakultät . In Riesi, einer der ärmsten Gegenden Siziliens, engagieren sie sich mit im Servizio Christiani mit Kindergarten, Schule, Lehrwerkstatt, Landwirtschaftszentrum etc.. Hier wird das christliche Zeugnis in liebevoller Tat beispielhaft umgesetzt, auch in der Auseinandersetzung mit Politik und maffiösen Strukturen. Dieses Zentrum ist zum Hoffnungsträger vieler Menschen geworden.
Was ist von dem ursprünglichen Gedanken des Waldes und der Pauperes Christi übriggeblieben? Es geht um das Kennzeichen unserer Kirche, der Nachfolge Christi. Als einige Waldenser 1170 nach Rom gingen, um vom Papst die Bewilligung zur Predigt zu erhalten, wollten sie den Jüngern in deren Haupttätigkeit folgen: der Verkündigung, wobei es nicht um große Worte geht, sondern um Taten (vita apostolica, siehe Matthäus 25). Christus nachfolgen beinhaltet für die Waldenser auch heute noch das Primat des Letzten "Wer unter euch der erste sein will, der soll Knecht aller sein." (Markus 10, 42-44). Dass unsere Kirche heute diesem Bild vielfach nicht entspricht, ist eine Anfrage an uns. Dass sie andererseits immer im Werden bleibt, bruchstückhaft, hat Luther immer wieder betont: latent sancti. Sie ist auf dem Weg, und die anfangs gestellt Frage, ‘Was ist Kirche?’, lässt sich substantiell nur mit dem Wirken des Geistes beantworten. Wo Menschen wie Waldes sich auf das Wirken des Heiligen Geistes einlassen, wird Gottes Handeln konkret, im Alltag eines jeden Einzelnen und in der Geschichte. Denn "ohne Geist ist die Kirche ein Gespenst, der Glaube eine Idee, die Liebe ein Gefühl, die Taufe nur Wasser, die Predigt ein Vortrag, die Eucharistie ein magisches Ritual, die Gemeinde ein Feld von Knochen". (Paolo Ricca).
Hier noch ein Foto aus dem Waldensermuseum in Torre Pellice. Es zeigt die typische Waldensertracht.
Quelle:
Die Karten sind dem Buch "Dreihundert Jahre Waldenser in Deutschland, 1699-1999"
Hrsg:
Albert de Lange, Karlsruhe 1998, entnommen.









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