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Weihnachtlicher Kitsch

Ein kritisch-satirischer Beitrag von Stefan Schrick

Vermutlich seit es Pfarrer gibt, beschäftigt diese die Frage, warum es an Heiligabend so voll in den Kirchen ist, während an allen anderen Gottesdiensten (mit Ausnahme von Konfirmationen und Volkstrauertag) die meisten Plätze leer bleiben. Auch der Dornholzhäuser Pfaffe, immerhin seit über 19 Jahren vor Ort, treibt seine Studien und hat einen Verdacht: Wird die Botschaft vom Kommen Gottes zunehmend mit weihnachtlichem Kitsch verwechselt?

Ein gutes Bespiel für Kitsch ist der folgende Auszug aus Nathanael Jünger (Heidekinds Erdenweg, Wismar 1919, S. 28f): „Dann versammelte Dörte die Geschwister um das Bett der Kranken und begann was Pastor Lorentz in seiner Kinderlehre sie gelehrt und sie heimlich den Kleinen beigebracht hatte, mit ihnen zu singen: Süßer die Glocken nie klingen, als in der Weihnachtszeit! S’ist, als ob Engelein singen, wieder von Frieden und Freud. So war der Heiligabend selbst gekommen. Über dem schlummernden, braunlockigen Kinde der Heide legen sich leise und lind die Schatten der stillen, geweihten Nacht. Der erste Schnee senkt sich herab, unauffällig, in gehaltener Feierlichkeit, aber unaufhörlich; von der Höhe funkeln die Heere der Sterne hernieder, klarer, glänzender denn je, als wollten auch sie mitpredigen in dieser Nachtseinsamkeit.“

Weihnachten rührt die Herzen an, mehr denn je. Es ist das Fest tiefer Gefühle, mit Erinnerungen aus der guten alten Zeit, im vertrauten Kreis der Familie. Beim Adventskonzert erstrahlen die Kerzen, an Heiligabend führen die Kinder ein hübsches Weihnachtsspiel vor, der Pfarrer hält eine ergreifende Predigt, man trifft wieder die jährlichen Besucher und singt die alt vertrauten Weisen. Weihnachten, das Fest der Stimmungen schlechthin.

Da wird alles aufgeboten, „was gut und teuer ist“. Wird bei Jünger (siehe oben) noch die Natur mit Seelenzuständen angereichert, so wird bei uns spätestens ab November die Kaufkraft durch die Berieselung mit Weihnachts-CDs („Süßer die Kassen nie klingen“) in Gang gesetzt. Die Stimmung lässt man und frau sich was kosten. An den Häusern hängen Weihnachtsmänner, und um die Fenster gibt es einen heimlichen Wettbewerb (wem gelingt die auffälligste Lichterdekoration ?).

Im Advent (eigentlich eine Bußzeit) wird in den Feierstunden der Altenheime „O du Fröhliche“ gesungen. Das Fernsehprogramm ersetzt Actionfilme mit Familienmelodramen, und im Internet hüpft auf jeder zweiten Homepage ein Nikolaus. Die Menschen werden plötzlich sentimental, packen kleine Aufmerksamkeiten in besonderes Papier, Weihnachtspost mit goldener Schrift, Anrufe, Besuche, sie wünschen sich gegenseitig alles erdenklich Gute. Je mehr Gefühl, desto intensiveres Weihnachten, das ist der Trugschluss, den der Pfarrer vermutet. Weihnachten wird zu einer Konsumware und eine ganze Industrie versucht, das geweckte und erkannte Gefühl zu befriedigen. Und man hat fast schon den Eindruck, mancher Konsument weiß gar nicht mehr, was er konsumiert.

Dabei wird natürlich auch der Kirche als ureigenster Hüterin der weihnachtlichen Botschaft eine nicht unbedeutende Rolle zugewiesen. Für viele sind die Heiligabend-Gottesdienste mit der Lukanischen Weihnachtsgeschichte heimliche Kulminationspunkte, Sternstunden, vor der Bescherung. Als ein Produkt der modernen Welt hat der Weihnachtskitsch dabei die Geburt Jesu gründlich säkularisiert, wobei die Kirche nicht schuldlos außen vor bleibt. Aus der ehemals skandalösen Botschaft, dass Gott Mensch wird, wurde ein „holder Knab im lockigen Haar“ inmitten niedlicher Krippenfiguren.

Diese Gleichsetzung von Gefühlen mit der Bindung an Gott findet aber nicht nur am Jahresende statt. Viele Christen haben den ursprünglich theologischen Gegensatz zwischen Gut und Böse, Rein und Unrein zu einem nur moralischen eingeebnet. An die Stelle des Wider-Gott-Handelns der Menschen (Sünde) tritt moralisch schlechtes Benehmen, für den Glauben an einen weltumspannenden Leben schaffenden Gott setzen wir den Zufall. Kitsch lebt von der Verwechslung von Realität und Träumerei, der verschiedenen Ebenen, die man doch nicht so einfach mit Lüge identifizieren kann, zumal es auch Zeitgenossen gibt, die sich diesem religiösen Weihnachtskitsch bewusst aussetzen und das mit christlichem Glauben identifizieren.

Allein das Geflecht der Gefühle ist nicht dicht. Die Telefonseelsorge hat in den auf Weihnachten folgenden Tagen regelmäßig Hochkonjunktur mit den Hauptthemen: Ehe-, Familienzwist oder Einsamkeit. Die Irrealität weihnachtlicher Stimmungen ist bei nüchterner Betrachtung unübersehbar, und wer unkritisch der Verkitschung des Weihnachtsfestes folgt, bleibt bei einem oberflächlichen Schwarz-Weiß-Denken stehen. Die Tendenz des Kitsches ist ja gerade der Antirealismus, der eine Scheinwelt vorgaukelt.

Allerdings setzt ein nicht die Vernunft ausblendender nüchterner Glaube eine Grenze zum weihnachtlichen Kitschgefühl. Wer zu Jesu Geburt ja sagt, wählt auch das Kreuz, den Ort, an dem nicht emotional oder eventuell, sondern todsicher gestorben wird. Krippe und Kreuz gehören unlösbar zusammen. Wäre Jesus im Garten Gethsemane nur seinen Gefühlen gefolgt, oder wäre unsere Erlösung von unseren religiösen Empfindungen abhängig, es sähe schlimm aus um unsere Rettung. Beim Glauben geht es denn auch nicht um Ekstase oder Begeisterung. Er liebt denkende, kritische Menschen, die prüfen und deren Urteilsfähigkeit er in Anspruch nehmen kann. Aus diesem Grunde hat die junge Christenheit ihre wichtigste Veranstaltung mit voller Absicht auf den Sonntagmorgen verlegt. Der Gottesdienst fordert wache, nüchterne Menschen, die ihre geistlichen Erfahrungen mitbringen. Nüchternheit und Wachsamkeit sind der rote Faden, der sich durch alle neutestamentlichten Erfahrungen hindurchzieht. Anders werden wir die Weihnachtsbotschaft nicht verstehen.

 

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